Heimat: In Zeiten des Zeitbruches
Schulen sind in Syrien stets von einer Mauer umgrenzt, um Schüler:innen daran zu hindern, unerlaubt das Gelände zu verlassen. Die Schulmauer stellt somit die Grenze zwischen der Freiheit (draußen) und dem Gefängnis (drinnen, die Schule) dar. Einige Male habe ich diese Mauer erklommen, um der Schule zu entgehen. Der Moment auf dieser Mauer ist vielschichtig: einerseits habe ich mich gefreut, auf die Mauer geklettert zu sein, andererseits hatte ich Angst, entdeckt und bestraft zu werden. Oben auf der Mauer kann man auf beide Seiten hinab sehen und muss sich schnell für eine entscheiden. Diesen Moment empfand ich als Zeitbruch und in einem solchen befinde ich mich seit Anfang des Krieges.
Vor dem Krieg war Heimat für mich dasselbe wie für viele andere, nämlich der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, wo die Familie und die Freund:innen leben. Doch nun ist Heimat für mich etwas anderes; seit dem Krieg in Syrien bin ich mir nicht mehr bewusst, was Heimat für mich bedeutet. Ich bin quasi heimatlos und befinde mich in einer Zeitlücke, in einem Zeitbruch. Wohin ich jetzt gehe und wofür ich mich entscheide ist noch offen. Ich bin daher immer noch auf der Schulmauer, kurz vor dem Sprung.
Dieses Projekt visualisiert die Schulmauer so, wie ich sie mir momentant vorstellen kann.
Die gebaute Fassade besteht aus drei Seiten: der glatten und schwer zu erklimmenden Innenseite, der Außenseite, die durch die Revolution von der Bevölkerung zurückerobert worden ist und sich in ein Sprach- und Ausdrucksrohr gewandelt hat, sowie der Oberseite, auf der ich saß und spürte.



